Neue Ausstellung zur Geschichte der Bekennenden Kirche in Dahlem

Bekenntnisse und Widersprüche – die Leit­linien der neuen Dauerausstellung im Martin-Niemöller-Haus

 

Vor 36 Jahren wurde die Ausstellung „Unterwegs zur mündigen Gemeinde“ als ausführliche Dokumentation zur Geschichte der Dahlemer Kirchengemeinde innerhalb der Bekennenden Kirche (BK) eröffnet. Sie zeigt mutigen Widerspruch und riskante Rettungsaktionen, belegt aber auch massive Versäumnisse der BK in der politischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Ihre Aussagen sind auch heute nicht überholt, ihre gesellschaftlichen Botschaften zur Bewahrung des Friedens und zur Abwehr rassistischer Gefahren sind weiterhin hochaktuell. 


Die Zeit ist aber über das Layout hinweggegangen. Auch konnten die über 30 Tafeln fast nie im Verbund gezeigt werden. Kirchengeschichtliche Forschungen erbrachten neue Funde und Erkenntnisse, etwa zur Rolle und zum Widerspruch der Frauen in der Bekennenden Kirche, die auch unser Wissen über die Dahlemer Gemeinde bereichern. Hier sind also Erneuerungen nötig.

 

Die neue Dauerausstellung im Martin-Niemöller-Haus wird knapper und „griffiger“ ausfallen. Zehn Themengebiete werden auf Wandtafeln im Erdgeschoss präsentiert. Sie beginnen mit dem geistigen „Gepäck“ der Theologen im Jahr 1933 und reichen bis zu den Konsequenzen für die Kirche heute. Ergänzend wird Audio- und Videomaterial eingesetzt, an Computerstationen wird unter anderem die Internet-Präsentation der „Unterwegs“-Ausstellung weiterhin zugänglich sein. Die Gestaltung des „Erinnerungsortes“ im ehemaligen Arbeitszimmer Niemöllers, der sein Fehlen und seine Präsenz zugleich symbolisiert, bleibt erhalten.

 

Im Mittelpunkt stehen die Entwicklung von Pfarrernotbund und Bekennender Kirche sowie die Geschichte der Dahlemer Gemeinde von 1933 bis 1945. Den Fokus bildet das Spannungsfeld zwischen innerkirchlicher und gesellschaftlicher Verantwortung mit der bedeutendsten Herausforderung der Kirchen im Nationalsozialismus, der kollektiv versagten, aber – teils unter erheblichen Opfern – von Einzelnen erbrachten Solidarität angesichts der Judenverfolgung. Das Thema wird sich über alle Tafeln der Ausstellung erstrecken. Ein neuer Schwerpunkt liegt auf der Würdigung von Frauen aus den Dahlemer Laienkreisen, die, wie Elisabeth Schmitz und Elisabeth Schiemann, unablässig Solidarität mit den Verfolgten anmahnten und sie in eigener Verantwortung praktizierten.

 

Gegenüber der „Unterwegs“-Ausstellung erfordert die Reduktion auf weniger als ein Drittel des Umfangs aber auch einige harte Einschnitte. Die einzelnen Themenkomplexe können nur durch möglichst prägnante Fotos und Dokumente repräsentiert, aber nicht länger als Prozess anhand der Abfolge von Dokumenten dargestellt werden. Allgemeinhistorische Basiskenntnisse müssen wir nun voraussetzen. Anfang der 1980er Jahre, als die erste Ausstellung entstand, wagten sich Wissenschaft, Pädagogik und Öffentlichkeit gerade erst an eine eingehende Beschäftigung mit den Kernbereichen des Nationalsozialismus, dem Antisemitismus und der Judenverfolgung, heran. Insofern war die „Unterwegs“-Ausstellung mit ihrer Dokumentenfülle zur Verfolgung der deutschen Jüdinnen und Juden ihrer Zeit voraus. Heute aber müssen wir uns darauf beschränken, die Reaktionen von kirchlicher Seite zu beleuchten, Wissenslücken zum historischen Kontext sollten nötigenfalls in der pädagogischen Arbeit aufgefüllt werden. 

 

Wir müssen zudem dem Anspruch widerstehen, die Geschichte der gesamten Bekennenden Kirche zeigen zu wollen, und uns stattdessen auf eine möglichst konzise Darstellung beschränken, die von der dreifachen Bedeutung des Begriffs „Dahlem“ in der Kirchengeschichte geleitet ist: auf die kompromisslose „dahlemitische“ Richtung der Bekennenden Kirche, die am kirchlichen Notrecht festhielt, wie es die in Dahlem tagende zweite Bekenntnis­synode der Deutschen Evangelischen Kirche im Oktober 1934 formuliert hatte; auf Dahlem als Wirkungsort Martin Niemöllers und schließlich auf die in den Fürbittengottesdiensten ab 1937 entstandene Dahlemer Bekenntnisgemeinde, die nach Gollwitzers erzwungenem Fortzug aus Berlin von „mündigen“ und risikobereiten Laien getragen war.

 

Dahlem war keine „normale“ Kirchengemeinde im Nationalsozialismus, wegen ihres deutlichen Votums gegen die „Deutschen Christen“ nicht, als Wirkungsstätte bedeutender Bekenntnistheologen nicht, und wegen der Initiativen der Laienkreise nicht. Dennoch muss unkritische „Hagiographie“ vermieden werden. Dass Martin Niemöller den „Kirchenkampf“ nicht als überzeugter Demokrat aufnahm und etliche nationalistische Ansichten erst im Laufe der Zeit revidierte, ist bekannt. Schlaglichtartig wird dieser Prozess auch mit Zitaten auf den einzelnen Tafeln nachvollzogen. 

 

Karl Barths Urteil von 1946 zu folgen, kann einen Weg weisen, um Niemöllers Bedeutung auch für jüngere Generationen lebendig zu halten: Er sei ein Mensch, über den man „nicht oft genug den Kopf schütteln kann, und zu (dem) man dennoch hundertprozentiges Vertrauen hat.“

 

Historikerin Martina Voigt ist derzeit Kuratorin der neuen Dauerausstellung im Martin-Nie­möller-Haus und arbeitet als freie Mitarbeiterin für die Gedenkstätte Stille Helden in der Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand.

 

 

 

 

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